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Jun
02

„Gartengeräte sind Herrschaftsinstrumente“

Ein Soziologe über die Gartenarbeit als Selbstinszenierung und den Garten als politischen Ort.

"Gartengeräte sind Herrschaftsinstrumente"

Sacha Szabo im Gespräch

Der eigene Garten, so scheint es, ist der Deutschen liebster Ort. Kaum kommen die ersten Sonnenstrahlen heraus treibt es die Menschen in ihre Gärten. Es wird gejätet und gehackt, im Frühjahr gepflanzt und im Herbst geerntet. Es ist inzwischen zum Klischee geworden, dass Samstags in der Reihenhaussiedlung der Rasenmäher von Morgens bis Abends zu hören ist. Dabei ist der Garten mehr als nur Freizeitbeschäftigung, denn er ist das Aushängeschild des Besitzers. Der Freiburger Soziologe Sacha Szabo vom Institut für Theoriekultur hat bei diesem Lärm nicht nur hingehört, sondern auch genau in die Gärten hineingesehen. Wir haben uns mit ihm über die Bedeutung von Gartengeräten unterhalten und Verblüffendes erfahren.

Was interessiert gerade einen Sozialwissenschaftler am Garten der doch gerade ein Stück Natur ist?

Sacha Szabo: Grundsätzlich ist unser Blick auf das was wir als Natur wahrnehmen, ein kulturell geprägter. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass Natur immer Kulturraum ist. Wir haben die französischen Gärten in der geometrischen Ordnung des Barock und die englischen Gärten als Beispiel der gewollt ungeordneten Landschaftsgärten. Natürlich ist Natur mehr als nur eine Ansammlung von Bäumen und Tieren. Natur ist ein Zustand, im dem alles ein großes Ganzes bildet und in diese Ordnung wird nun mittels Werkzeugen und Maschinen eine Struktur hineingefräst und der Lärm ist der Soundtrack.

Der Lärm?

Sacha Szabo: Der Lärm hat gerade bei der Gartenarbeit eine merkwürdige Funktion. Viele der Tätigkeiten könnten ohne Maschinen wesentlich leiser stattfinden, stattdessen werden Maschinen eingesetzt. Natürlich hat die Landwirtschaft durch die Mechanisierung und Maschinisierung enorme Ressourcen freigesetzt, aber ob nun eine Verkehrsinsel wirklich mit einem Rasenmäher schneller als mit einer Sense gemäht ist, ist fraglich. Der Lärm – und das scheint mir hier wichtig – demonstriert, dass man tätig ist.

Selbstdarstellung bei der Gartenarbeit?

Sacha Szabo: Mit Lärm wird, wenn man so will, der Besitzanspruch auf das eigene Revier kenntlich gemacht. So wie Vögel durch zwitschern ihr Revier markieren, tun dies Vorstadtgärtner durch ihren Rasenmäher oder ihre Heckenschere und das gepflegte Territorium hält fremde Besitzansprüche ab und wehe das Territorium wird dann betreten. Genau dies ist ja die Botschaft des legendären Schildes „Betreten verboten“. Es ist ein Besitzanspruch.

Kann man sagen, Gartengeräte sind männlich?

Sacha Szabo: Natürlich liegt die Assoziation nahe, dass ein Laubbläser eine Penisverlängerung ist. Aber die Inszenierung von Männlichkeit ist subtiler. Männliche Arbeit wird öffentlich inszeniert mit Lärm und Maschinen, die Arbeit der Frau war traditionell immer eine dienende, die im Verborgenen stattfand. Man könnte die klischeehafte Szene ausphantasieren bei der der Mann den Rasen mäht, während die Frau am Boden kniend Unkraut pflückt. Eine Szene, die für mich irritierend realistisch daherkommt.

Zuspitzt sagen Sie also, Gartengeräte sind Männerspielzeuge.

Sacha Szabo: Betrachtet man die Begeisterung von Männern für Gartentechnik, liegt das nicht fern. (Lacht) Der Gedanke des Spiels greift sogar die tiefenpsychologische Deutung auf. Das Spiel steht ja nahe bei der Masturbation. Masturbation wird ja auch als Onanie bezeichnet. Onan zurückgeführt, ließ seinen Samen in die Erde fallen, statt seine Schwägerin zu schwängern. Dieser Gedanke, so spannend es auch sein könnte Onan als ersten Hobbygärtner zu denken, ist aber nun doch etwas abwegig.
Was aber sicherlich haltbar ist, dass die Gartengeräte zu einer Selbstversenkung führen können, ähnlich wie dies im Spiel stattfindet. Der Lärm hat dort im Übrigen auch die Funktion Außengeräusche abzuhalten. Wenn man so will könnte man Gartenarbeit als etwas Kontemplatives bezeichnen, das wird ja auch oft beschrieben. Nur, dass hier technische Geräte eingesetzt werden, um einen populären Buchtitel zu imitieren: Zen oder die Kunst einen Rasen zu mähen.

Sie deuten also die Gartenarbeit allein als psychosexuellen Akt?

Sacha Szabo:Die Selbstdarstellung bei der Gartenarbeit geht weit über das reine Lustempfinden hinaus. Selbstdarstellung, gerade als Mann, hat auch immer etwas mit den Eigentumsverhältnissen zu tun. Mein Garten ist Teil meiner Identität und als Besitz ist er Teil meines Vermögens. Damit wird die Gartenarbeit zur Metapher für gesellschaftliche Besitzverhältnisse. Besitz muss gepflegt werden, sonst geht er vor die Hunde. Auch herrscht eine intensive soziale Kontrolle, wie man mit seinem Eigentum umgeht. Alle Prozesse die hier in einem Mikrokosmos stattfinden, aber auch auf die Gesellschaft insgesamt, als Makrokosmus übertragen werden können.

Der Garten ist ein gesellschaftlicher Mikrokosmos?

Sacha Szabo: Ja, er ist ein Mikrokosmos bis in seine innere Struktur hinein. Denn der Garten ist auch politisch, da sich eben in ihm die Besitzverhältnisse repräsentieren. Was gehört mir und wie präsentiere ich mein Eigentum. Dies wird nun einerseits akustisch mit Rasenmähern und Laubbläsern demonstriert, aber eben auch optisch. Die Gartenzwerge sind Machtstelen, wie die Obelisken der Pharaonen. Das Spannende ist nun, dass diese Besitzstrukturen sich auch in der Gartenanlage wiederspiegeln.

Rechteckige Beete stehen also für Zucht und Ordnung?

Sacha Szabo: So plump muss die Analogie nicht sein, aber jedes Ding sollte seinen Platz haben. Dieser Gestaltungswille, der zeichnet eine gepflegte Gartenanlage aus. Geometrische Parkanlagen waren ursprünglich Schlossgärten. Schrebergärten und Kleingärten, all diese Ausprägungen gingen immer auf politische Initiativen zurück. Und heutzutage zeigt sich ja gerade in öffentlichen Grünflächen die Auseinandersetzung zwischen dem Ordnungsanspruch des herrschenden Systems in Gestalt von Gemeindevollzugsbeamten und der Nutzung durch die Bevölkerung, beispielsweise durch Grillen. Dieser Streit wird ja auch erbittert geführt, bis hin zu so paradoxen Strukturen wie öffentlichen Grünflächen die nicht betreten werden dürfen. Dagegen regt sich dann selbstverständlich auch Widerstand in Form von Guerilla Gardening und dem Einsatz von Seedbombs. Also kleinen Kugeln aus Erde, die mit Pflanzensamen vermischt und auf monotone Grünflächen geworfen werden. Aber diese Gartenarchitektur der Macht wird lebenspraktisch auch noch anders durchkreuzt, nämlich durch Trampelpfade. Ein Trampelpfad ist die Rückeroberung planerischen Gestaltens durch alltägliche Praxis.

Wie meinen Sie das?

Sacha Szabo:Wir kennen ja das Computerspiel Sim City. Dort entwirft man Städte wie am Reißbrett. Alle Strecken sind rechtwinklig. Der Mensch denkt und lebt aber nicht rechtwinklig. Er denkt harmonisch und er handelt ökonomisch und nutzt gerne Abkürzungen. So entstehen Trampelpfade. Es ist ein sublimer alltäglicher Protest. Michel de Certeau sprach von Listen, mit denen Verbote unterlaufen werden, solch eine List ist der Trampelpfad. Er ist das Aufbegehren gegen das Diktat der Laufwege. Selbst wenn man sie selbst angelegt hat, können sie unvernünftig sein. Also durchkreuzt man den Plan wortwörtlich. Dies zieht natürlich Verbote nach sich. Trampelpfade werden mit Steinen, Sträuchern und Dornenhecken verbarrikadiert. Und natürlich das Schild „Betreten verboten“.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie verrichten Sie ihre Gartenarbeit?

Sacha Szabo: Wir haben keinen Garten. Ich war aber auf der Waldorfschule, dort gehörte der Gartenbauunterricht mit zum Lehrplan. Der wurde aber, typisch für die Waldorfschule, traditionell durch Handarbeit betrieben.

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